Von Michaela Benkitsch | 15. Juni 2026 | Lesezeit: ca. 9 Minuten
Was nützt KI wirklich im Unternehmen? Genau diese Frage habe ich letztens mit 180 Unternehmern aus dem Weinviertel diskutiert, am Podium des Weinviertel Business Forums in Korneuburg. Die Fragen aus dem Saal waren ehrlich, bodenständig und genau die richtigen: Was bringt es konkret? Was kostet es? Und wo fange ich an? In diesem Beitrag teile ich die 7 wichtigsten Erkenntnisse des Abends für KMU: von Schatten-KI über die Frage, warum Lizenzen kaufen keine KI-Strategie ist, bis zu "Human in the Lead".
Ein Saal voller Unternehmer und eine ehrliche Frage
Das Kompetenzzentrum der Raiffeisenbank Korneuburg war voll. 180 Unternehmer aus dem KMU-Bereich, bunt gemischte Branchen, vom Handwerksbetrieb über die Arztpraxis, vom Grafikbüro über das Handelsunternehmen bis zur Kanzlei. Und ein KI-Reifegrad, der unterschiedlicher nicht sein könnte: Manche im Saal hatten noch nie ein KI-Tool geöffnet, andere bauen sich bereits eigene kleine Anwendungen.
Am Podium saßen neben mir Steuerberater Mag. Johann Lehner von DIE WIRTSCHAFTSTREUHÄNDER und DI Dr. Marcus Presich, Bereichsleiter Daten & Analytik von der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, der den Abend mit einem Impulsvortrag eröffnete. Moderiert hat Rechtsanwalt Dr. Werner Borns von LAWPARTNERS. Sehr unterschiedliche Tätigkeitsfelder und Perspektiven, und genau das hat den Abend so wertvoll gemacht.
Das Thema des Abends: Was nützt KI wirklich? Chancen und Risiken für die Praxis von Unternehmen.
Ich liebe diese Art von Publikum. Keine Buzzword-Vorträge, keine abstrakten Zukunftsvisionen. Sondern Unternehmer, die wissen wollen: Lohnt sich das für meinen Betrieb? Als TÜV-zertifizierte Managerin für angewandte KI-Transformation begleite ich genau solche Unternehmen. Und als Unternehmerin seit über zwölf Jahren kenne ich die Fragen auch aus eigener Erfahrung.
Hier sind die 7 Erkenntnisse, die ich aus diesem Abend für dich mitgenommen habe.
Warum sollte sich ein KMU jetzt mit KI beschäftigen?
Die kurze Antwort: Weil Untätigkeit das eigentliche Wettbewerbsrisiko ist, nicht die Nutzung.
Am Podium waren wir uns in einem Punkt vollkommen einig, und das passiert bei so unterschiedlichen Perspektiven selten: Der richtige Zeitpunkt anzufangen ist spätestens jetzt. Deine Mitbewerber schlafen nicht. Sie senken ihr Kostenniveau, verbessern ihr Angebot und werden schneller. Wer sich gar nicht mit KI beschäftigt, verschläft diese Entwicklung.
Der Impulsvortrag des Abends lieferte dazu die passenden Zahlen: In Österreich nutzt aktuell nur etwa ein Fünftel der Menschen regelmäßig KI, wir liegen damit unter dem europäischen Durchschnitt. Bei jungen Menschen sieht das ganz anders aus, dort nutzen rund vier von fünf KI bereits aktiv. Diese Generation wächst damit auf, und sie kommt als Mitarbeiter und als Kunde in dein Unternehmen.
Was mich an diesem Punkt besonders freut: Es geht nicht um Angstmache. Es geht um eine positive Grundeinstellung. Mein Rat an den Saal war derselbe wie hier an dich:
Starte, egal wie. Hör dich in Podcasts ein, schau YouTube-Videos, informiere dich bei der WKO, probiere ein Tool aus. Du wirst eine steile Lernkurve hinlegen. Schon das alleine ist dein Wettbewerbsvorteil. Und: Du kannst die KI-Themen, die täglich aufpoppen, viel besser einordnen.
Was ist Schatten-KI und warum betrifft sie fast jedes Unternehmen?
Schatten-KI bedeutet: Mitarbeiter nutzen KI-Tools wie zB ihr privates ChatGPT für ihre Arbeit, oft mit Firmendaten, ohne dass das Unternehmen davon weiß oder es geregelt hat. Es gibt viele Studien dazu, die zeigen, dass ein erheblicher Anteil der Unternehmen davon betroffen sind. Zu Schatten-KI habe ich hier einen detaillierteren Beitrag verfasst: Schatten-KI in Unternehmen
Der eindrucksvollste Moment des Abends gehörte zu diesem Thema. Dr. Borns fragte in den Saal:
"Wer kann ausschließen, dass in seinem Unternehmen KI genutzt wird?" Was denkst du, blieben die Hände unten, oder wanderten sie nach oben?
Jedenfalls spiegelte das Forum genau die Realität, die ich wahrnehme, wieder: KI ist in den meisten Unternehmen längst da, nur oft auch inoffiziell.
Woran du Schatten-KI erkennst? Mitarbeiter schreiben plötzlich auffallend gute E-Mails. Sie formulieren auf einmal in einer Fremdsprache, die sie nie gelernt haben. Oder sie legen einen völlig neuen Schreibstil an den Tag.
Wegschauen ist hier keine Option, denn damit läufst du ziemlich sicher in ein (Haftungs-) Problem. Die bessere Variante: Mach die KI-Nutzung offiziell. Definiere, welches Tool genutzt werden darf und ob personenbezogene Daten in ein KI-System dürfen (Stichwort DSGVO, also die Datenschutz-Grundverordnung). Eine ganz einfache Regelung genügt oft schon. Das führt das Thema aus der Grauzone und gibt deinen Mitarbeitern Sicherheit, statt sie ins Heimliche zu drängen.
Warum Lizenzen kaufen keine KI-Strategie ist
Diesen Ablauf sehe ich in meiner Arbeit ständig: Ein Unternehmen ist ohnehin im Microsoft-Umfeld, also wird der Copilot angeschafft. Lizenzen für alle, und schon fühlt man sich als KI-Unternehmen. So einfach geht das leider nicht.
Das ist, wie wenn ich einem Team ein Klavier ins Büro stelle und davon ausgehe, dass jetzt alle Pianisten sind.
Einfach Lizenzen für alle zu kaufen ist keine KI-Strategie. Es ist nur eine teure Rechnung.
KI-Einführung ist kein Einkaufsthema, sondern ein Change-Thema, also ein Veränderungsprozess im ganzen Unternehmen. Die Mitarbeiter brauchen KI-Kompetenz. Sie müssen wissen, wie man überhaupt einen sinnvollen Anwendungsfall findet. Und sie müssen mitgenommen werden.
Mein Prinzip dafür: zuerst Diagnose, dann Therapie. Beim Arzt ist das auch so. Also erst die Standortbestimmung: Wo stehen wir? Was nutzen die Leute vielleicht schon heimlich? Welches Businessziel soll die KI unterstützen? Und dann, erst dann, kommt die passende Technologie. Ich kann nicht hinten anfangen und ein Tool kaufen, wenn ich vorne noch gar nicht weiß, wobei mich die KI eigentlich unterstützen soll.
Wenn diese Reihenfolge stimmt, kann es übrigens richtig schnell gehen. Mit Mitarbeitern an Bord, guten Lernpfaden und vorab gefundenen Anwendungsfällen bekommt das Thema eine echte Dynamik.
Was bedeutet Human in the Lead?
Human in the Lead bedeutet: Der Mensch führt die KI, statt nur ihre Ergebnisse abzunicken. Er gibt am Anfang das Ziel vor, entscheidet, worauf die KI Zugriff bekommt, und kontrolliert am Ende das Ergebnis.
Viele kennen den Begriff Human in the Loop: Der Mensch ist im Prozess dabei und trifft die finale Entscheidung, etwa bevor etwas an einen Kunden hinausgeht. Klingt gut. Aber ehrlich betrachtet ist der Mensch dann oft nur noch der Abnicker am Ende, der "passt, weiter" sagt.
Jetzt wird die KI aber immer besser und macht immer weniger Fehler. Und dann stellt sich eine unbequeme Frage: Was ist dann eigentlich noch meine Aufgabe? Nur am Schluss zu nicken kann es nicht sein. Wir wollen die Zügel in der Hand halten.
Deshalb mein Leitsatz: Human in the Loop war gestern, Human in the Lead ist die Haltung, die wir brauchen. Diese Dinge gehören dazu:
- Das Ziel vorgeben. Was wollen wir erreichen, bevor irgendetwas in die KI geht?
- Den Zugriff entscheiden. Worauf darf die KI zugreifen, worauf nicht? Was braucht die KI an Wissen und Informationen, damit sie ein richtig gutes Ergebnis liefern kann?
- Fähigkeiten definieren: Was soll sie können?
- Das Ergebnis kontrollieren. Die Verantwortung bleibt beim Menschen.
Wer hier tiefer einsteigen will: Matthias Schrader beschreibt in seinem Buch "Code Crash" denselben Gedanken (ja, ich habe den Gedanken von ihm) aus Sicht der Produktentwicklung bzw. des Codens. Wenn die KI die Umsetzung übernimmt, wird die präzise Formulierung des gewünschten Ergebnisses zur neuen knappen Ressource. Er nennt das Intent. Genau diese Fähigkeit, Ziele klar zu formulieren, ist die Kernkompetenz, die der Mensch in Führung behält.
Raus aus dem Chatfenster: Wo der echte Mehrwert entsteht
So haben wir alle begonnen, Ende 2022 mit ChatGPT: Anfrage eingeben, Antwort bekommen, und diese dann copy & paste in ein anderes System, zB um eine E-Mail schreiben zu lassen und dort weiterzuarbeiten. Dieses Ping-Pong-Spiel im isolierten Chatfenster ist ein guter Einstieg. Aber es darf nicht die Endstation sein.
Der echte Mehrwert entsteht, wenn KI dort arbeitet, wo die Arbeit tatsächlich passiert: in den Prozessen und Abläufen deines Unternehmens. Die Richtung geht klar zu Agenten. Ein kurzer Begriffs-Check: Ein Chatbot reagiert auf deine Eingaben und gibt eine Antwort zurück. Ein KI-Agent erledigt (autonom) Aufgaben für dich, Schritt für Schritt, wie ein kleiner Mitarbeiter.
Dass diese Richtung keine Theorie ist, zeigt gerade der größte Anbieter selbst: OpenAI baut ChatGPT laut Medienberichten zu einer Super-App rund um KI-Agenten um. Intern fällt dort sogar der Satz "Chat is dead" (Meldungen von erster Juni-Woche 2026).
Wie das in der Praxis aussehen kann, habe ich am Podium an meinem eigenen Beispiel erzählt, und die Reaktion im Saal war deutlich spürbar: Das geht?
Ich kann keine einzige Zeile Code schreiben. Trotzdem habe ich mir ein eigenes Multi-Agenten-System gebaut. Ein Orchestrator, quasi der Projektleiter, nimmt meinen Auftrag entgegen und verteilt die Arbeit an Subagenten, also Spezialisten: Einer recherchiert im Internet, der nächste erstellt daraus Content, ein weiterer prüft die Quellen und kontrolliert, ob nichts erfunden wurde. Das Ganze DSGVO-konform.
Ganz ehrlich dazu: Das Einrichten und Optimieren braucht Zeit und Geduld. Aber wenn das System einmal läuft, dann läuft es.
Was hier wichtig ist: Wer ein Problem präzise beschreiben kann, seine Prozesse versteht und die richtigen Fragen stellt, kann heute mit KI eigene Anwendungen bauen. Programmierkenntnisse waren gestern die Hürde. Heute ist es Klarheit. Die Einstiegshürde, um seine eigenen kleinen Anwendungen zu "programmieren", ist gefallen.
Welche Grundlagen braucht ein KMU für den KI-Einstieg?
Die wichtigsten Grundlagen für den KI-Einstieg im Unternehmen sind: klare Regeln, benannte Verantwortliche, Schulungen mit schnellen Erfolgserlebnissen, Formate für den Austausch im Team - und: Die "richtige" KI.
Hier waren sich am Podium alle einig, und die Praxisberichte deckten sich mit dem, was ich in meinen Workshops erlebe:
- Regeln und Verantwortliche. Benenne ein bis zwei Personen, bei denen das Thema zusammenläuft, und stelle einfache Regeln auf. Das ist auch eine Arbeitgeberpflicht, und es gibt den Mitarbeitern einen Rahmen, in dem sie sich sicher bewegen können.
- Quick Wins zeigen. Starte mit einfachen Dingen, die schnell funktionieren und bei denen jeder sofort einen Vorteil sieht. Nichts überzeugt besser als das eigene Erfolgserlebnis und das Gefühl: "Wir können auch KI".
- Ängste ernst nehmen. Die Frage "Mache ich mich damit selbst überflüssig?" ist real. Die Antwort aus der Praxis: Wer KI für Routinearbeit nutzt, hat mehr Zeit für das, was Menschen am besten können: zB gute Beratung und Kundenkontakt.
- Austausch-Formate schaffen. KI ist ein gemeinsames Lernen. Ein KI-Café, ein Lunch & Learn oder ein Promptathon/Hackathon (ein Format, bei dem das Team gemeinsam an echten Anwendungsfällen arbeitet - hier kannst du mehr dazu lesen: Promptathon) bringen das Thema in Bewegung. Erfolge, die geteilt werden, stecken an. Und es sind übrigens oft nicht die Jüngsten, die am meisten ausprobieren, sondern die erfahrenen Kollegen mit Neugier.
Fazit: KI ist nicht die Zukunft, KI ist die Gegenwart
Was nützt KI wirklich für KMU? Die Antwort aus diesem Abend in Korneuburg, verdichtet auf 7 Erkenntnisse:
- Starte jetzt, mit positiver Grundeinstellung. Die Lernkurve ist steil, und einordnen kannst du nur, was du kennst.
- Untätigkeit ist das eigentliche Wettbewerbsrisiko. Nicht die Nutzung.
- Schatten-KI ist real. KI ist meistens schon im Haus. Mach sie offiziell, mit einfachen Regeln, die jeder versteht.
- KI-Lizenzen kaufen ist keine KI-Strategie. Zuerst Diagnose, dann Therapie: erst Businessziele und Anwendungsfälle, dann die Technologie.
- Human in the Lead. Der Mensch gibt das Ziel vor, entscheidet den Zugriff und die Fähigkeiten und kontrolliert das Ergebnis. Wir Menschen führen die KI, nicht umgekehrt.
- Raus aus dem Chatfenster. Der echte Mehrwert entsteht in deinen Prozessen, und die Richtung geht klar zu KI-Agenten.
- Grundlagen schlagen Hype. Regeln, Quick Wins, Ängste nehmen und gemeinsames Lernen bringen mehr als jedes Buzzword.
Der Satz, der den Abend 2026 am besten zusammenfasst, fiel schon im Impulsvortrag: KI ist nicht die Zukunft, KI ist die Gegenwart. Die Frage ist nicht mehr, ob du dich mit KI beschäftigst. Sondern ob du es bewusst tust oder unbewusst.
Du willst KI sinnvoll in deinem Team und Unternehmen einsetzen und weißt nicht, wo du anfangen sollst? Genau dafür gibt es das kostenlose Kennenlerngespräch. Wir schauen gemeinsam, wo dein Unternehmen steht und welcher nächste Schritt für dich Sinn ergibt.
FAQ: Häufige Fragen zu KI für KMU
Was ist Schatten-KI?
Schatten-KI bedeutet, dass Mitarbeiter KI-Tools wie ChatGPT privat für ihre Arbeit nutzen, ohne dass das Unternehmen es geregelt hat, oft auch mit Firmendaten. Studien zufolge betrifft das rund 80 Prozent der Unternehmen. Die Lösung ist eine einfache, offizielle Regelung: Welches Tool darf genutzt werden, und welche Daten dürfen hinein?
Lohnt sich KI für kleine Unternehmen überhaupt?
Ja, gerade für kleine Unternehmen. KI lässt sich so maßschneidern wie das Unternehmen selbst, vom Selbstständigen bis zum Betrieb mit 50 Mitarbeitern. Entscheidend ist, mit den Businesszielen zu starten und Anwendungsfälle zu finden, statt einfach Tools zu kaufen.
Was kostet der Einstieg in KI?
Der Einstieg ist günstiger als viele denken. Eine Bezahlversion eines KI-Tools kostet rund 20 Euro im Monat, und der Qualitätsunterschied zur Gratis-Version ist deutlich spürbar. Die größere Investition ist Zeit: für Kompetenzaufbau, klare Regeln und das Finden der richtigen Anwendungsfälle. Wenn du dir Frust und ein paar Ehrenrunden sparen willst, hole dir Verstärkung ins Boot!
Brauche ich Programmierkenntnisse, um KI-Agenten zu nutzen?
Nein. Die Einstiegshürde ist gefallen. Wer ein Problem präzise beschreiben kann, seine Prozesse versteht und die richtigen Fragen stellt (Was soll die Anwendung tun? Für wen? Welche Daten braucht sie?), kann heute eigene KI-Anwendungen und Agenten aufsetzen, auch ohne eine Zeile Code. Wer aber komplexere Anwendungen bauen möchte, wo auch personenbezogene bzw. sensible Daten reinfließen, da sind die Kenntnisse von Profis gefragt, die so etwas auf solide Beine stellen. Software Engineers wissen, wie man Code prüft!
Wie führe ich KI sinnvoll in meinem Unternehmen ein?
Der wichtigste Grundsatz: zuerst Diagnose, dann Therapie. Das heißt, erst klären, wo das Unternehmen steht, was die Mitarbeiter vielleicht schon heimlich nutzen bzw. wie weit sie sind und welches Businessziel die KI unterstützen soll. Erst dann kommt die passende Technologie. Wer mit dem Tool anfängt und das Ziel vergisst, kauft nur eine Rechnung.
